Am 7. World Veterinary Orthopaedic Congress in Rom durfte ich zwei Vorträge vor einem Publikum aus orthopädischen Chirurginnen und Chirurgen halten, darunter Diplomates und Residents von ACVS und ECVS. Das Thema: Was unterscheidet die Versorgung von Kieferfrakturen von der klassischen Frakturchirurgie – und warum braucht es dafür dreidimensionale Bildgebung?
Vortrag 1: Injury patterns and traumatic jaw fracture repair in dogs
In der Orthopädie gilt: Achse, Länge und Rotation wiederherstellen, dann heilt der Knochen. Am Kiefer reicht das nicht. Unter- und Oberkiefer sind die einzigen Knochen, deren Reposition von einem äußeren Partner vorgegeben wird – der Okklusion mit dem Gegenkiefer. Eine Fehlstellung von unter einem Millimeter, die am Femur bedeutungslos wäre, kann am Kiefer dazu führen, dass der Unterkiefereckzahn in den harten Gaumen beißt. Ein knöchern verheilter Kiefer in Fehlokklusion ist deshalb kein Teilerfolg, sondern ein Misserfolg.
Daraus ergeben sich drei Grundsätze, die ich in Rom vorgestellt habe:
- Auf den Biss reponieren, nicht auf den Frakturspalt. Die Okklusion muss während der Operation laufend kontrollierbar sein, etwa durch eine transmylohyoidale Intubation.
- So wenig invasiv wie möglich. Die meisten Unterkieferfrakturen betreffen den zahntragenden Abschnitt. Jede Schraube dort kann eine Zahnwurzel oder den Mandibularkanal verletzen. Drahtverstärkte Komposit-Schienen nutzen die Zähne selbst als Pfeiler und sind für viele Korpusfrakturen die Methode der Wahl. Plattenosteosynthesen bleiben Frakturen vorbehalten, die sich nicht schienen lassen.
- Junge Hunde brauchen weniger Stabilität, nicht mehr. Im wachsenden Kiefer liegen Zahnkeime dicht an dicht. Bei Welpen reichen oft Maulschlaufe oder Schiene; in einer Serie von 29 jungen Hunden heilten alle nicht- oder minimalinvasiv versorgten Unterkieferfrakturen klinisch aus, im Mittel nach 21 Tagen3.
Auch die Ursachen haben sich verschoben: In einer CT-Studie an 165 Hunden waren Bissverletzungen mit 50 % die häufigste Ursache von Gesichtsschädeltraumata, Verkehrsunfälle machten nur 13 % aus. Im Mittel waren 8,2 Knochen oder Regionen pro Hund frakturiert2.
Vortrag 2: Modern Imaging using CBCT in oromaxillofacial trauma
Röntgenbild und Abtasten zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Die Computertomographie fand in einer Studie 1,6-mal mehr Verletzungen beim Hund und 2,0-mal mehr bei der Katze als konventionelle Schädelaufnahmen; beim Hund stieg die mittlere Zahl dokumentierter Läsionen von 4,8 auf 7,61.
Die digitale Volumentomographie (DVT, englisch CBCT) ist dafür das passende Werkzeug: sehr feine, in allen Ebenen gleich scharfe Voxel, keine Überlagerung, hohe Detailschärfe an Zahn und Knochen bei deutlich geringerer Strahlendosis als ein konventionelles CT. Sie zeigt, wie wenig sicherer Knochen zwischen Zahnwurzeln und Mandibularkanal bleibt4 – und genau dort müssen Schrauben vorbeigeführt werden.
Aus demselben Datensatz entsteht heute die virtuelle Operationsplanung bis hin zum patientenspezifischen, 3D-gedruckten Titanimplantat mit vorab geplanten, wurzelschonenden Schraubenkanälen. Genauso klar habe ich die Grenzen benannt: Für die Polytrauma-Abklärung, Weichteil- und Gefäßfragen bleiben CT und MRT die erste Wahl. Die DVT ist das präzise Instrument für die Frage nach Zahn und Knochen.
Was das für überweisende Kolleginnen und Kollegen bedeutet
- Bei Verdacht auf Kieferfraktur gilt: keine definitive Versorgung ohne dreidimensionale Bildgebung.
- Die Okklusion ist das Ziel der Versorgung, nicht nur die Knochenheilung.
- Gerade bei jungen Hunden und bei Bissverletzungen lohnt die frühe Überweisung an eine zahn- und kieferchirurgische Fachpraxis.
Ein gebrochener Kiefer ist mehr als ein gebrochener Knochen: Ihr Tier muss danach wieder schmerzfrei fressen und richtig zubeißen können. Deshalb planen wir jede Versorgung anhand eines 3D-Röntgenbildes und richten den Kiefer am Biss aus. Wo immer möglich, verwenden wir schonende Schienen statt Schrauben und Platten.
Dr. Matthias C. Eberspächer-Schweda, Dipl. AVDC, Dipl. EVDC
Literatur
- Bar-Am Y, Pollard RE, Kass PH, Verstraete FJM. The diagnostic yield of conventional radiographs and computed tomography in dogs and cats with maxillofacial trauma. Vet Surg 2008;37:294–299. PMID 18394078 · doi:10.1111/j.1532-950X.2008.00380.x
- De Paolo MH, Arzi B, Pollard RE, Kass PH, Verstraete FJM. Craniomaxillofacial trauma in dogs – Part I: fracture location, morphology and etiology. Front Vet Sci 2020;7:241. PMID 32411743 · doi:10.3389/fvets.2020.00241
- Castejón-González AC, Stefanovski D, Reiter AM. Etiology, clinical presentation, and outcome of mandibular fractures in immature dogs treated with non-invasive or minimally invasive techniques. J Vet Dent 2022;39:78–88. PMID 35060787 · doi:10.1177/08987564211072332
- Berning JA, Snyder CJ, Hetzel S, Sarment DP. Analysis of the anatomic relationship between the mandibular first molar roots and mandibular canal using cone-beam computed tomography in 101 dogs. Front Vet Sci 2019;6:485. PMID 32039247 · doi:10.3389/fvets.2019.00485